Um das Sprachenlernen ranken sich viele Mythen. Und die meisten stimmen nicht. Was es braucht, um Sprachen zu lernen und was schlicht falsch ist, hat Sprachausbilderin Andrea Günther am letzten Q-Treff des SVW (am 15. September in St. Gallen) erläutert. Fakes und Fakten in fünf Punkten wiederholen wir hier:

Behauptung 1: Zum Sprachenlernen braucht es Talent
Hier kommt die gute Nachricht: Alle, die ihre eigene Muttersprache erfolgreich gelernt haben, haben bereits unter Beweis gestellt, dass sie über die Fähigkeit zum Sprachenlernen verfügen – diese Fähigkeit lässt sich auch für die Fremdsprache anwenden. Wenn auch, zugegebenermassen, das Erlernen einer Fremdsprache nicht ganz mit dem Erlernen einer Fremdprache zu vergleichen ist. Jedoch steht fest: Wer keine physiologische Einschränkung hat (eine sogenannte Aphasie) kann auch eine Fremdsprache lernen.
Die Wahl der richtigen Methode ist viel entscheidender als die Mär vom Sprachtalent.

Behauptung 2: Der muttersprachliche Lehrer ist immer der beste Lehrer
Auch diese Behauptung stimmt so pauschal formuliert nicht. Wer sich einen Sprachlehrer sucht, sollte genau hinschauen, was diese Person mitbringt. Entscheidend ist zum Beispiel der Wortschatz des Lehrers oder der Lehrerin. Wenn die lehrende Person selbst nicht besonders sprachgewandt ist, ist dies keine günstige Voraussetzung. Ebenso ist nicht jeder “Muttersprachler” automatisch ein guter Vermittler der eigenen Sprache. Oft kennt er zum Beispiel die Regeln der eigenen Sprache nicht und weiss nur, dass etwas falsch klingt, jedoch nicht, warum. Entscheidend ist also, dass der Sprachlehrer auch Ahnung von Sprachdidaktik hat und diese unterrichten kann.

Behauptung 3: Am besten lernt man in einem Land, in dem die Sprache gesprochen wird
Das gilt so höchstens, wenn der Lernende schon Vorkenntnisse hat und einen Kurs besucht. (Die gute Nachricht: Ich muss keine teure Sprachreise bezahlen. Ich kann durchaus im Heimatland gut eine Fremdsprache erlernen – ich benötige dazu nur eine gute Methode und sinnvolle Hilfsmittel.)
Es gilt: Eine ertrinkende Frau lernt nicht schwimmen. Wissenschaftlich gut belegt ist, dass der sogenannte ungesteuerte Spracherwerb bei Erwachsenen (ohne Lehrer, “auf der Strasse”) zu einem fehlerhaften Sprachgebrauch führt. Zum Beispiel werden dann die Verben nicht konjugiert und Sätze sind verstümmelt (“ich gehen Bahnhof”). Diese Art des Spracherwerbs führt nur zu “Survival Language” , und diese ist bleibt lückenhaft und verbessert sich von selbst auch nicht mehr (“fossilierter Sprachstand”).
Wer hingegen mit Grundkenntnissen der Fremdsprache ins Ausland geht, um dort in einem Kurs seine Kenntnisse zu verbessern, macht es richtig. So profitiert man auch davon, dass man dann die Sprache permanent um sich hat.

Behauptung 4: Kinder sollten sich auf die Miuttersprache konzentrieren. Mit Früh-Fremdsprachunterricht lernen sie die eigene Sprache nicht gut.
Diese Behauptung, die sich leider hartnäckig hält, ist wissenschaftlich nicht haltbar. Im Gegenteil zeigen Untersuchungen, dass das Erlernen einer frühen Fremdsprache die Kinder zum Nachdenken über die Muttersprache anregt und sich tatsächlich als Förderung der Muttersprache auswirkt. Auch weiss man, dass bis etwa zum Alter von 12 Jahren die Fremdsprache im Hirn im gleichen neuronalen Netz wie die Muttersprache abgespeichert wird: Kinder lernen hier die Fremdsprache noch ohne Akzent.

Behauptung 5: Im Alter wird es schwer mit dem Sprachenlernen
Die Forschung zeigt: Ältere Menschen lernen gleich erfolgreich wie jüngere, sie lernen nur anders, und kompensieren manches mit Erfahrungswissen. 
Insgesamt sind zwei Faktoren entscheidend für erfolgreiches Sprachenlernen: Zum einen die Motivation, denn ohne diese ist das Vorhaben zum Scheitern verurteilt. Daher sollten sich Lernende in den buntesten Farben ihr WARUM ausmalen. Das ist besonders wichtig, da eine Sprache zu lernen, eine langfristiges Vorhaben darstellt. Zum anderen ist die Wahl der richtigen Methode absolut entscheidend. Dabei ist es wichtig, lieber häufig und kurz als selten und lang zu lernen (unser Hirn braucht die Wiederholungen, um Gelerntes im Langzeitgedächtnis abzuspeichern). Die gewählten Materialien sollten aufeinander aufbauen und einen roten Faden aufweisen. Zusätzlich kann man weitere Dinge auswählen (Comics, Filme mit Untertiteln usw.). Wichtig ist, dass es mit den gewählten Medien Spass macht (siehe Motivation…) und auch übere längere Zeit interessant und spannend bleibt. Mit dem Internet haben wir hier heute viele Möglichkeiten – die Zeit, eine Sprache zu lernen, war daher nie besser als jetzt.  Es ist sinnvoll, sogenannte “Chunks” (Redewendungen) zu lernen als nur einzelne Vokabeln. Auch sollte ich diese aus dem Kontext lernen. Und: Je mehr ich mit einem Wort mache (Hören, Lesen, Schreiben, Sprechen) umso besser. Ideal sind selbst geschriebene Karteikarten, die ich nach Wunsch umsortieren, einfach überallhin mitnehmen und mit denen ich effizient lernen kann. Wichtig ist auch, möglichst früh zu sprechen zu versuchen und keine Angst vor Fehlern zu haben. Fehler gehören fest zum Sprachlernprozess dazu – das heisst, es ist unmöglich, eine Sprache zu lernen ohne Fehler zu machen.

Andrea Günther